Die Michaeli-Zeit trägt in sich einen Ruf zur Bewusstwerdung. Sie stellt den Menschen in seine Verantwortung gegenüber der Welt – und gegenüber sich selbst.
In einer Zeit, in der äußere Gewissheiten schwinden, stellt sich die Frage mit neuer Dringlichkeit: Wie entwickeln wir ein Ich, das nicht nur standhält, sondern schöpferisch wird?
Der italienische Philosoph Salvatore Lavecchia formuliert es eindringlich:
„Gerade weil er an sich einen Organismus der Selbstlosigkeit und des Mitgefühls bildet, ist der menschliche Sinnesorganismus ein Organismus der Schöpfung aus dem Nichts.“
In jeder Begegnung, in jedem Moment, liegt eine schöpferische Möglichkeit – etwas Neues in die Welt zu stellen, das nur durch die lebendige Tätigkeit unseres Ich geschehen kann. Doch diese Ich-Tätigkeit ist nicht automatisch da – sie will entwickelt, gewählt und erarbeitet werden. Und genau darin liegt die michaelische Kraft: Werde, der du bist – durch deine Beziehung zur Welt.
Das Ich entfaltet sich nicht in der Isolation. Es wird geboren in der Reibung mit der Welt.
Die Widerstände, die Unbequemlichkeiten, die Spannungen – sie sind keine Fehler im System. Sie sind Entwicklungshelfer. Wer sich ihnen nicht entzieht, sondern durch sie hindurcharbeitet, der stärkt seine innere Mitte.
Ein neuer Mut – der Mut zur Ich-Werdung. Und Michael ist der geistige Führer dieses Prozesses.
Der Mensch soll lernen, seine Freiheit nicht im Absondern von der Welt, sondern im Tätigsein an der Welt zu finden.
Gerade jetzt, wo sich die Welt in vielfacher Weise polarisiert, ist es eine geistige Tat, sich selbst als Mitte zu begreifen. Nicht im Sinne einer Neutralität, sondern als bewusste Ich-Präsenz, die gestaltet, verbindet und verwandelt.
In diesem Sinne lädt die Michaeli-Zeit dazu ein, nicht nur über das Ich nachzudenken – sondern es zu üben, zu erringen, zu entfalten. Im Gespräch. In der Arbeit. In der Hingabe an das, was uns begegnet.
Denn wie Lavecchia andeutet: In jedem noch so kleinen Verhältnis zu einem anderen Wesen kann der Mensch etwas Neues in die Welt bringen.
Das ist wahrhaft michaelisch.